Indigenes Wissen

Noch nie zuvor hat eine Kultur so viel Wissen angesammelt und so viel Technologie genutzt wie wir in unserer westlichen Kultur heute. Und noch nie zuvor fühlten sich so viele Menschen so orientierungslos und innerlich abgetrennt wie heute.

Indigene Kulturen zeigen uns, was wir verloren haben, nicht als Ressource, die wir anzapfen, sondern als Erinnerung an etwas, das auch in uns angelegt ist. Es ist ein Wissen darüber, wie der Mensch in einer tiefen Verbindung mit sich selbst, mit anderen und mit der Erde lebt. Dieses Wissen gab es auch hier. Es wurde gewaltsam unterbrochen. Und einige Kulturen haben es bewahrt und teilen es heute bewusst, damit wir uns wieder erinnern. Das bedeutet nicht, ihre Kulturen zu kopieren. Es bedeutet auch nicht, sich selbst als Hüter einer Tradition zu inszenieren, die man nicht lebt. Es bedeutet: sich den Prinzipien zuwenden, die hinter den Traditionen liegen, den ursprünglichen Lebensprinzipien, die in der Natur selbst ablesbar sind.

„Wenn wir euch unsere Arbeit erklären, dann immer nur als Türöffner, damit ihr zurück zu eurem eigenen Wissen und eurem eigenen Weg findet." — Arregoces Coronado Zarabata

Was ich heute als „Lebendiges Wissen" teile, sind universelle Prinzipien, die ich hinter diesen Traditionen ausgemacht habe, als Anknüpfungspunkt, damit dieses Wissen hier bei uns wieder erinnert und gelebt werden kann. Jeder, der es trägt, tut das auf seine eigene Art, mit eigenen Bildern, Metaphern und Ritualen. Alles was ich teile, darfst du ausdrücklich übernehmen, weiterführen und weitergeben. Wir sind die Ureinwohner der Erde, sie ist unsere Heimat. Das Wissen, wie man in Verbindung mit ihr lebt, gehört zum Erbe der gesamten Menschheit, nicht als Besitz, sondern als Erinnerung. Denn die Klimakrise ist kein technisches Problem. Sie ist Ausdruck von ungelöstem Trauma in uns, in unseren Familien, in unserer Kultur. Unsere Rückverbindung ist die tiefste Antwort, die ich kenne.

Der Himmel mit Wolken, einem Mond und Sternen bei Sonnenuntergang oder Dämmerung.

Kogi | Kolumbien

Die Kogi leben zurückgezogen in den nördlichen Ausläufern der Anden in Kolumbien. Sie verfügen über ein beeindruckendes soziales und ökologisches Wissen, leben ohne Machthierarchien und orientieren sich an den natürlichen Lebensprinzipien, die sie aus der Natur ablesen. Ihre mündliche Tradition reicht über 4.000 Jahre zurück, in ihr haben sie ein Wissen darüber, wie man sich selbst und die Erde im Gleichgewicht hält, von Generation zu Generation bewahrt. Aus ihrer Perspektive gibt es keinen Unterschied zwischen dem Zustand der Erde und unserem inneren Zustand. Beides hängt untrennbar zusammen. Deswegen haben sie vor einigen Jahren begonnen, Teile ihres Wissens mit uns zu teilen, nicht damit wir wie sie leben, sondern damit wir uns wieder erinnern.

„Wenn wir heilen, dann kann auch die Erde wieder heilen." — Kogi

Sie betrachten sich als Ältere Brüder, als Hüter der Erde. Uns nennen sie die Jüngeren Brüder — nicht aus Überheblichkeit, sondern weil sie sehen, dass wir in Unordnung geraten sind und vergessen haben, wie man in Verbindung mit dem Leben bleibt. Die Kogi lehnen Krieg ab, weder untereinander noch gegen andere. Sie glauben, dass Gewalt das empfindliche Gleichgewicht von Natur und Geist stört. Ihre Lebensweise ist Ausdruck eines tiefen Verständnisses dafür, dass alles miteinander verbunden ist und jede Handlung eine Auswirkung hat. Was sie teilen, ist eine Einladung, keine Methode, kein System, kein Produkt.

Drei Frauen in traditioneller Kleidung stehen vor Strohdachhütten in einem ländlichen Gebiet, Sonne scheint und die Landschaft ist hügelig mit Bäumen im Hintergrund.

Anden | Peru

In den Anden Perus gibt es Überlieferungslinien, die trotz der Kolonialisierung bewahrt werden konnten. Auch sie entspringen derselben Quelle wie das Wissen der Kogi: der Natur und den natürlichen Lebensprinzipien.

„Während die Kogi nur wenig Erfahrung mit dem Ego haben, da sie kulturell bedingt Traumata und Verletzungen in der Verbindung unmittelbar harmonisieren, bieten die Überlieferungen der Anden viele Perspektiven und Werkzeuge, um das Ego bewusst auf dem eigenen Heilungsweg zu lenken.“

Mein Lehrer auf diesem Weg ist Segismundo Zamora Flores, in der Andentradition auch Illaripa genannt, ein Träger dieser uralten mündlichen Linie. Bei ihm habe ich die Initiation zum Paqo durchlaufen und von ihm die ausdrückliche Erlaubnis erhalten, das Wissen, das ich empfangen habe, weiterzugeben. Von ihm habe ich viel darüber gelernt wie wichtig Orientierung auf einem inneren Weg sein kann. Seine Begleitung hat mir geholfen, mich nicht in Gedanken oder Konzepten zu verlieren, sondern immer wieder in die direkte Erfahrung zurückzukehren. Was ich aus dieser Zeit mitgenommen habe, ist keine fertige Lehre, sondern eine Art zu sehen und zu fühlen. Er hat mir gezeigt, wie man diese tieferen Prinzipien im eigenen Leben wirklich verankert, nicht als Konzept, sondern als lebendige Praxis.

Blick auf die antike Inkastadt Machu Picchu in den Anden, umgeben von Wolken und grüner Landschaft.

Unser Wissen

Auch hier bei uns lebten Menschen einst in enger Verbindung mit der Natur. Ihr Wissen wurde nicht schriftlich festgehalten, sondern mündlich weitergegeben, von Generation zu Generation. Mit dem Aufkommen von Machthierarchien wurde diese selbstbestimmte, indigene Lebensweise jedoch zunehmend als Bedrohung angesehen und bekämpft. Die letzten verbliebenen indigenen Kulturen Europas, bekannt als die Prussen, lebten auf dem Gebiet des heutigen nördlichen Polens. Sie verstanden sich als Teil einer großen Gemeinschaft des Lebens, zusammen mit Pflanzen, Bäumen und Tieren. Der christliche Missionar Peter von Dusburg schrieb über sie:

„Weil sie also Gott nicht kannten, deshalb verehrten sie in ihrem Irrtum jegliche Kreatur als göttlich — Sonne, Mond und Sterne, Donner, Vögel, auch vierfüßige Tiere. Sie hatten auch Wälder, Felder und Gewässer, die sie so heilig hielten, dass sie in ihnen weder Holz zu hauen, noch Äcker zu bestellen oder zu fischen wagten."

Was er als Irrtum beschrieb, war eine tiefe ökologische Weisheit. Die Überlieferungslinien der Prussen wurden durch die Kreuzritter zerstört. Was folgte, war der Beginn eines Kolonialismus, der sich von Europa aus über die ganze Welt ausbreitete gerechtfertigt durch den Gedanken eines Höher- und Minderwertigen Lebens, ein Gedanke, der uns bis heute belastet. Die letzte Welle dieser Auslöschung traf die sogenannten Hexen: Frauen und Männer, die versuchten das alte Wissen zu bewahren. Für die Machthaber waren sie nicht manipulierbar, weil Menschen, die in Verbindung mit sich selbst leben, sich nicht so leicht spalten und beherrschen lassen.

Was bleibt, ist eine Unterbrechung. Keine endgültige Auslöschung, sondern eine Unterbrechung. Und überlebende indigene Kulturen wie die Kogi oder die Andentradition reichen uns heute die Hand zurück zu dem, was auch in uns angelegt ist. Das bedeutet nicht wie sie zu leben. Es bedeutet sich zu erinnern.

Eine Gruppe von Menschen, darunter ein Kind, schaut auf ein Feuerwerk mit Funken und Flammen am Nachthimmel.